Klecks-EL 09-10/2024

12 STREITEN „Anstatt als Erwachsene von oben herab den Richter oder Polizisten zu spielen, sollten wir die betroffenen Kinder moti- vieren bei der Konfliktlösung selbst in die Arbeit zu kommen“, empfiehlt Petra Buderath. Die Diplom-Psychologin und ihr Kollege Sebastian Niehaus (Erziehungswissenschaftler, Sozio- loge M.A.) empfehlen zwischen dem Herbeiführen der Klä- rungssituation und dem hitzigen Geschehen einen gewissen zeitlichen Abstand zu schaffen. Warum das zielführend ist, bringt Olaf Düring bildlich auf den Punkt: „Während das Adrenalin frei im Körper rumtanzt sind höhere kognitive Funk- tionen blockiert. Die direkt bohrende Frage nach dem ´War- um´ führt im Erregungsmoment oft nicht weiter.“ Wurde ein Streit konstruktiv beleuchtet, können Erwachsene den Kindern Lösungsvorschläge machen. Teilungsmuster anzu- regen wäre einer davon: „Erst hat der Ben die Bauklötze zum Spielen und Du die Eisenbahn, anschließend könnt ihr ja tau- schen.“ AuchWiedergutmachungsideen kannman entwickeln. Gemeinsam mit den Kindern gelingt das am besten – schließ- lich haben diese ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Gerechtig- keit, dass genetisch tief in allen Menschen verankert ist. „Ein weiteres hilfreiches Vorgehen für Eltern nach einem Streit des Kindes, ist ein Emotionscoaching – angelehnt an das „Kin- der im Blick“-Konzept – mit dem Kind. Ich nehme mir die Zeit und den Raum für mein Kind, wende mich ihmmit voller Auf- merksamkeit zu. Gebe den Gefühlen meines Kindes Raum und versuche sie zu erkennen und zu benennen. Ich erforsche acht- sam die Situation und fasse zusammen, was ich verstanden habe und helfe im letzten Schritt meinem Kind selbst eine Lösung zu finden“, empfiehlt Marc Burrichter, Dipl.-Pädagoge und Leiter der Ehe-, Familien-, Lebens- und Erziehungsbera- tung (efle) im Bistum Osnabrück/Psychologische Beratungs- stelle am Straßburger Platz. Das Reflektieren der Motive für einen Streit ist dennoch oft nicht einfach. Manchmal ist eine Veränderung im Familien- system der Schlüssel für ein plötzlich auftretendes Konfliktver- halten. Wenn beispielsweise ein zuvor recht unauffälliges Kind auf einmal immer wieder Sachen kaputt macht oder zu schein- bar nicht regulierbaren Wutanfällen (Aggression) oder zu Rückzug (Regression) neigt, kann das die Reaktion z.B. auf eine Geburt, Trennung/Scheidung, Krankheit, Abschied, Tod oder Trauer sein. „Nicht selten zeigt sich negatives Verhalten nur zuhause. Denn: Insbesondere da, wo sich Kinder sicher fühlen, testen sie Grenzen aus. Familie ist der Ort, wo Kinder sich ausprobie- ren und lernen können. Eigentlich ist das als Kompliment an die Eltern zu sehen“, betonen Buderath und Niehaus. Streitkultur in unterschiedlichem Alter Insbesondere die Ankunft eines jüngeren Geschwisterkindes kann die Welt von Kindern in den ersten Wochen und Mona- ten ganz schön auf den Kopf stellen. Um die Verlustängste der Erstgeborenen aufzufangen, können manchmal kleine Stell- schrauben helfen: „Das kann die Reduzierung der Arbeitszeit des vorrangig erziehenden Elternteils oder der Betreuungszei- ten des älteren Kindes in der Kita sein. Auch Rituale, kleine Aufmerksamkeiten, Exklusivzeiten oder bewusst kommuni- zierte Extras wie „Ich bringe jetzt Deine kleine Schwester ins Bett, dafür darfst Du noch etwas wach bleiben und spielen“, können laut Dipl.-Psychologe Olaf Düring etwas Entspannung bringen. lien- und Erziehungsberatung im Integrativen Beratungszent- rum der Diakonie Stadt und Land Osnabrück mit Sitz inMelle. Welchen Streit können und sollten Kinder selber lösen? Olaf Düring, Diplom-Psychologe und Leiter der Familienbera- tungsstelle des AWO Kreisverbands für die Region Osnabrück an der Schlossstraße betont: „Auf diese Frage gibt es keine allgemeingültige Antwort oder Faustregel. Da jeder Konflikt anders gelagert ist, ist bei dem Für und Wieder in eine Situa- tion einzugreifen häufig Intuition gefragt“. Generell gesprochen glaubt Düring, dass Kindern heutzutage aus Angst und Sorge der Eltern seltener als früher zugetraut wird, eigene Lösungen zu finden. Doch wenn schon harmlose Auseinandersetzungen unterbunden werden, können Kinder immer weniger Routine entwickeln, wichtige Signale zu üben. „Das ist schade, schließlich wachsen wir mit jeder selbstgefun- denen Konfliktlösung.“ Bei welchem Streit und wie sollten Erwachsene eingreifen? An der Wand im Beratungszimmer des erfahrenen Psychothe- rapeuten für Kinder, Jugendliche und Familien hängt ein Schwarz-Weiß-Foto mit dem Titel: „The Dirty Dozen“ (Das dreckige Dutzend). Darauf zu sehen sind zwölf in einer Reihe sitzende, schelmisch lachende Kinder mit schmutzigen Fingern und Füßen. Einer der Jungen hält einen Baseballschläger in der Hand. Diese (noch) friedliche Szenerie passt gut zum Thema. „Eingreifen sollten Erwachsene natürlich immer dann, wenn bestimmte Grenzen überschritten werden. Sprich, wenn eine Situation eskaliert – zu verletzend, zu gewalttätig, zu destruktiv wird.“ Ein entscheidender Punkt zur Restriktion sollte der Schutz des Schwächeren sein. Einer akuten Trennung der Streit- parteien sollte jedoch immer eine Nachbearbeitung folgen.“ Bei Streitereien zwischen Geschwistern sollten sich Eltern jedoch nicht dazu verleiten lassen, sich generell auf die Seite des jüngeren Sprosses zu schlagen. Nicht selten wissen auch die Zweitgeborenen ziemlich genau, welchen „Knopf “ sie beim älteren Geschwisterkind zu drücken haben, um eine bestimm- te Reaktion zu provozieren, die dann von den Erwachsenen wahrgenommen wird. Lösungswege zur Streitnachbearbeitung Entscheiden sich Erwachsene dafür, in einen Streit einzugrei- fen, sollten sie sich ausreichend Zeit nehmen, um den Kindern bei der Konfliktlösung zu helfen. Basis dabei sollte es sein, allen beteiligten Parteien aufmerksam zuzuhören, ihnen res- pektvoll zu begegnen und den Kontext offen und wertfrei zu hinterfragen. Um einen Konflikt zu verstehen, können die Symptome bei der Streitnachbearbeitung je nach Situation entweder in einem Einzel- oder in einem Gruppengespräch beleuchtet werden. Dabei gilt es zu klären, was der Anlass für die Auseinander- setzung war und wie sich das jeweilige Kind in dieser Situation gefühlt hat. Auf der einen Seite gilt es also für Erwachsene, in der Klärungssituation jedes Kind zu sehen. Auf der anderen Seite sollten die Kinder lernen, demGegenüber zuzuhören und seine Sicht der Dinge auszuhalten.

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