KL_EL_2023-11-12-01

10 MEDIEN Handy oder Tablet zur Seite legt. „Dann ist es unnötig und vielleicht sogar problematisch, wenn Eltern ihren Kindern die Entscheidungen abnehmen, weil so Selbständigkeit vermieden wird“, so Becker. Deswegen gebe es aus seiner Sicht auch keine Alters- empfehlungen, ab wann ein Kind den Zeitraum, den es mit dem Han- dy verbringt, selbständig einteilen kann. „Es geht immer um die richti- ge Balance.“ Die Balance spielt auch eine Rolle, wenn man kleinen Kindern ein Smartphone in die Hand drückt, um es zu beschäftigen. Wenn Kinder häufig das Handy bekommen, wenn sie sich langweilen, ist dagegen nicht gut, so Becker weiter. „Es ist wichtig, dass Men- schen lernen, mit Langeweile umzugehen. Sie ist auch gut für Kreativität.“ Akzeptanz der digitalenWelt Moritz Becker sagt, während der Schulschließungen durch die Corona-Pandemie sei die Doppelmoral in der Medien-Erzie- hung und die Beurteilung von Nutzungszeiten deutlich gewor- den. „Es entstand der Eindruck, dass Mediennutzung gut ist, wenn es umBildung geht, aber schlecht, wenn es sich um Spaß dreht.“ Er sei überzeugt, dass sich die Digitalisierung in Kin- der- undWohnzimmern nicht auf  Vor-Corona-Niveau zurück- drehen lasse. Es gebe auch Kinder, die in der digitalen Welt Akzeptanz erfahren. Offline müssten sie sich zum Beispiel beim Fußball vielleicht gegen ihrenWillen immer nur ins Tor stellen oder auf der Bank sitzen, weil sie als zu schlecht gelten. Im Onlinespiel fühlen sie sich vielleicht auch deshalb wohler, weil sie hier ihre Stärken feststellen. Medienkompetenz und Cyber-Mobbing Auf die klassische Frage, wie sich Kinder gegen Cyber-Mob- bing, Fake News oder Beleidigungen im Internet schützen kön- nen, antwortet Moritz Becker mit einer Gegenfrage: „Kann man sich dagegen wehren, ausgeraubt oder angepöbelt zu werden? Im Internet gibt es genauso viele schlechte Menschen wie in Fußgängerzonen.“ Die Frage sei viel mehr, wie man sich verhält, wenn man sieht, dass jemand Hass-Kommentare pos- tet oder jemand in einem Gruppenchat angepöbelt wird. „Es geht wie immer um Zivil-Courage und dass wir uns für andere einsetzen.“ Dementsprechend definiert Becker auch den Begriff Medien- kompetenz. Es ist medienkompetent, wenn jemand weiß, wie man ein Gesicht aus einem Profilbild in ein Pornobild schnei- den und es im Internet veröffentlichen kann, sagt er. „Sozial- kompetenz bedeutet, wenn es trotz technischemWissen nicht gemacht wird.“ Grundsätzlich würde er sich wünschen, dass es für Kinder nicht möglich ist, Zugriff auf pornographische Inhalte im Internet zu erhalten. „Mir fällt es schwer zu akzep- tieren, dass Acht- bis Zehnjährige auf derartige Inhalte vor- bereiten zu müssen.“ Man könne natürlich darauf hoffen, dass Viele Medien zwingen ihre Nutzer dazu, sich passiv bei ihrem Gebrauch zu verhalten. Sollte man mit Kindern eine Zeit ver- einbaren, in der sie Medien nutzen können, um die richtige Balance zu finden, um ihnen den Medienkonsum, aber auch die Bewegung zu ermöglichen? „Es gibt für die Entwicklung wichtige Dinge wie Bewegung, Malen, Verantwor- tung im Haushalt oder Interaktion mit anderen Kindern in der analo- gen, aber auch in der digitalen Welt, die Kinder wahrnehmen sollten“, sagt Moritz Becker. „Wenn dann Zeit ist, können sie mit dem Handy Dinge tun, die sie wollen. Auch wel- che, die die Eltern vielleicht inhaltlich unnötig finden.“ Wenn sie aber das Gefühl haben, dass etwas Elementares zu kurz kommt, sollten Mütter oder Väter eingreifen, so Becker. „Die ersten Medienerfahrungen werden in der Familie gemacht, je jünger die Kinder sind, desto mehr hängt ihr Umgang mit Medien von dem Verhalten der Eltern ab“, so Ermer. Es sei wichtig, dass die Eltern, und natürlich auch das nähere Umfeld der Familie wie Geschwister oder nahe Ver- wandte, ihr Medienverhalten reflektieren. „Das Kind sollte daran erkennen, dass es auch mal ohne Medien geht und somit die Chance haben auch die, für die Entwicklung wichti- gen, analogen Erfahrungen zu machen.“ Wichtig ist, dass in der Familie medienfreie, analoge Aktivitä- ten als Alternative angeboten und auch durchgeführt werden, so Ermer. „Wenn ein solches Verhalten in der Familie gelebt wird, sollte sich die Balance zwischen digitalen und analogen Freizeitaktivitäten einstellen.“ Wie lange sollen Kinder Medien nutzen? Für viele Eltern stellt sich die Frage, ob sie mit ihren Kindern eine Zeit vereinbaren sollen, in der sie Medien nutzen können, oder ihnen die Entscheidung überlassen, wann sie nicht mehr damit spielen sollen. „Es ist wichtig, mit den Kindern gemein- sam Regeln für die Mediennutzung zu erarbeiten und zu ver- einbaren“, so Ermes. Deren Einhaltung und Alltagstauglich- keit müsse dann regelmäßig überprüft und natürlich im Laufe der Zeit angepasst werden, sagt er weiter. Eine einfache Altersangabe, ab wann Kinder allein im Internet surfen können, gebe es laut Ermer nicht. Wenn man als Mutter oder Vater sein Kind beim Einstieg ins Netz begleitet, kann mit klaren Regeln und regelmäßigenGesprächen über Medieninhal- te eine solide Basis für eine gute Medienerziehung geschaffen werden, sagt er weiter. „Erst wenn ich mich davon überzeugt habe, dass sichmein Kind sicher imStraßenverkehr bewegt, lass ich es allein einkaufen oder zur Schule gehen“, nennt er als Bei- spiel. Es sei auch nicht gut, kleinen Kindern einfach das Handy in die Hand zu drücken, wenn sie sich langweilen oder Eltern ihre Ruhe haben wollen. „Digitale Erfahrungen im Kleinkindal- ter sollten nie unbegleitet gemacht werden“, so Ermer. Es kann sein, dass sich ein Kind selbst regulieren kann, wenn es zum Beispiel Verabredungen einhalten will und dann das

RkJQdWJsaXNoZXIy NzM2NDYw